Wolf-Dieter Narr                           Im April 2009

 

DAS  ARGUMENT

(Frigga und Wolf Haug zugeeignet)

 

 

Neun und fünfzig im letzten Jahrhundert

Adenauer regierte, der Kalte Krieg nur Frost zum Dogma erhobener Repression, nichts gelernt aus zwölf unsäglichen Jahren –

 

Das Argument aber begann sich zu schürtzen. Die Kruste nachkriegerisch schweigender Anpassung zerbrach.

 

 

Neun und sechzig im letzten Jahrhundert

Der Vietnamkrieg wüstete, Sonnenflecken flackerten studentenbewegt und Kritik, Marx und Adorno wurde kübelweise vergossen. Sie zeugte auch Silberdisteln –

 

Das Argument gewann zusätzliche Federn, schärfte Kritik,

wurde darum parteilicher, ohne sich abzuschließen.

 

 

Neun und siebzig im letzten Jahrhundert

Staatsantiterrorismus und Berufsverbot, die welken Blätter freiheitlich demokratisch gehärteten Antikommunismus schädigten Junge ein Leben lang. Vergangenheitspolitik hatte ´gesiegt´, aufmüpfige Demonstrierende indes, vielfältig, waren nicht mehr unterzukriegen –

 

Das Argument rüstete Nummer für Nummer unentwegt, trotz mancher Krustung intellektuell aufmüpfig durchaus, thematisch plural.

 

 

Neun und achtzig im letzten Jahrhundert

Staats- und gesellschaftselitäre Indolenz weithin. Im „Osten“, wie untermenschlich wahrgenommen, und nicht im Westen brach es auf. Der umständegemäß unmögliche Kommunismus belehrte die ewig Kapitaldummen seiner inneren Lebenskraft. Trotz alledem. Perestroika zuerst, dann der Mauerbruch, ein nur vermeintlicher Sieg kapitalistisch alter Weltordnung –

 

Das Argument mit vorn dabei, längst feministisch eigen politikgeweitet. Es packte die Chancen am Schopf. Sollten Wege möglich sein, anders als drittwegig pastellfarben, die arbeiterbewegt intellektuellen Elan in neuer Zeit weitertrieben?

 

 

Neun und neunzig im letzten Jahrhundert

Keines des Sozialismus, runder noch des Kommunismus, des einfachen, das Bert Brecht gemäß so schwer zu machen ist, eines des Kapitalismus auf global konkurrenzverdichteter stattdessen, auf ungleich schroffender Stufe, Kriege, die dümmsten Pseudohandlungen von Menschen, bundesdeutsch erneut im lernfeindlichen Wieder mitbetrieben

 

Das Argument aber lebte und leibte, den Köcher mit kritischen Pfeilen gefüllt, einer Zeitschrift und keiner Theorie mehr gemäß ohne synthetische Kraft, indes voll der Einsichten aus dem, was im klassischen Griechisch syneidesis hieß, nicht deutsch tief vielmehr öffentlich sich ausweisenden Gewissens.

 

 

Zweitausend und neun im jungen Jahrhundert

Das kapitalistisch rast und innovativ zerstört und aus den eigenen Krisen nichts lernt außer Ungleichheiten auf Ungleichheiten und Gewalt auf Gewalt zu türmen in unabsehbar voraussehbar immer erneut aktuellen Schrecken.

 

Das Argument aber währt ein halbes Jahrhundert lang. Wie unendlich kurz unter unmenschlich ewiger, drum unmöglicher Perspektive, wie ungewöhnlich lang, die Kontinuität unablässig artikulierter Kritik auf fest sich entwickelndem Untergrund radikaler Demokratie mit unvermindert sozialistischem, allein materiell menschenrechtlich wahrem Ziel. Wer könnte es besser sagen als der armreiche BB, der allen Schwankungen, allen unvermeidlichen Opportunismen zum Trotz im Kern der einen Sache getreu dichtete, einer Welt ohne beleidigte, ausgebeutete, durch Herrschaftskriege gebeutelte und versehrte Menschen:

 

„Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren

Kämpfen vielleicht eine Stunde lang.

Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber

Die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese

Sind unentbehrlich.“

Das ARGUMENT: FRIGGA und WOLF Haug!